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Ein Artikel von Hilmar Klute (Süddeutsche Zeitung), der am 21.12.2018 veröffentlicht wurde.  Herr Klute ist damit einverstanden, dass dieser Artikel auf unserer Webseite erscheint.
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                                                                                   Ruhm und Ruß

Die Leipziger Straße in Berlin war einst
ein mondäner Ort zum Einkaufen und Verweilen.
Heute zählt sie zu den schmutzigsten
Verkehrsachsen der Republik. Ein Besuch

VON HILMAR KLUTE

Vielleicht nähert man sich dieser mit Geschichte bis zum Kurzschluss aufgeladenen Straße doch am besten über jene Art von Berliner Humor, die ganz ohne witzige Sprachspiele auskommt. Auf Höhe der Mauerstraße, vor der bulgarischen Botschaft, steht die schwer pathetische Skulptur „Mauern durchbrechen“, die der bulgarische Bildhauer Georgi Tschapkanow 2006 dort hat aufstellen lassen. Wir sehen eine nackte Heldengestalt, die – mag sein, flehend, vielleicht tut sie es auch siegesselig – die Arme gen Himmel streckt. Und ein wenig rechts von diesem monströsen Geschichtsdenkmal steht ein mit Stadt- und Gebäudeansichten bunt bemalter dickbäuchiger Berliner Bär und ahmt die himmelwärts gewandte Heldengeste mit kurzen Tatzen nach. Zwei charakterlich sehr unterschiedliche Skulpturen, die beide das Gleiche erzählen: Es liegt viel elende und glorreiche Geschichte unter den Pflastersteinen der Leipziger Straße.

  Es liegt auch viel Blei auf dieser Straße. Viele Versuche sind gescheitert, die Leipziger wieder ein bisschen zu dem werden zu lassen, was sie mal war – eine der feinsten und staunenswerten Konsumstraßen des späteren Industriezeitalters, die von den Zeitläuften mächtig gebeutelt und degradiert wurde, Schauplatz nationalsozialistischer und später sozialistischer Zwangsgewalt war und schließlich zum öden Zonengrenzstreifen hinabsank. Nun ist die Leipziger eine anstrengende Achsenstraße geworden und damit eine Art Labor für die Verkehrspolitik von morgen. Gleichwohl darf sie – in ihrem dem Potsdamer Platz angrenzenden Teil – Berliner Mitte-Chic repräsentieren. Einzig dort, wo die Menschen wohnen, hinter der Markgrafenstraße, wird sie wieder laut und ein bisschen gefährlich. Aber hinter der Stickstoff- und Feinstaubwand geht es weiter, wenn auch meistens im Schritttempo – so könnte die Botschaft des bunten Bären lauten.

  Seit April dieses Jahres gilt auf der Leipziger Straße das Gebot für Autofahrer, nicht schneller als dreißig Kilometer pro Stunde zu fahren. Der Berliner Senat hat sich davon eine Abnahme der Schadstoffbelastung versprochen. Jetzt kommt aber heraus, dass der EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid – er liegt bei 40 Mikrogramm – nur in einem einzigen Monat unterschritten wurde. Das Ganze hat bisher also nicht viel gebracht. Doch nun zwingt das Berliner Verwaltungsgericht die Politik zu drastischen Einschritten: Von Mitte 2019 an wird an drei Stellen der Leipziger Straße ein Diesel-Fahrverbot gelten. Alarmstufe Rot also mitten in der Hauptstadt.

  Tatsächlich ist die Stänkerei über stinkende Straßen und falsch installierte Verkehrsachsen so traditionsreich wie die Berlin-Motzerei: „In Berlin findet man sich nach drei Jahren noch nicht zurecht“, kritisierte der in wütender, weil enttäuschter Berlinliebe lebende Kunsthistoriker Karl Scheffler 1910 in seinem berühmten Essay „Berlin – ein Stadtschicksal“. „Natürlich kennt man nach kurzer Zeit Hauptstraßen, wie die Linden, die Friedrichstraße und Leipzigerstraße.“ Aber die Stadt, schreibt Scheffler, entziehe sich einem ständig, weil ihre Straßen so gleichförmig seien und das Gesamtbild die Fantasie lähme.

  Man benötigt in der Tat viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass in der Leipziger Straße einmal das mondäne Leben zu Hause war, die große Konsum- und Ausgehkultur dieser Stadt hier ihren Anfang nahm. In den Reichshallen erlebte der Feierabendberliner das legendäre Nummernprogramm aus Cabaret und Artistik; von beklemmenden Begegnungen mit verfolgten Genossen im Café Moka Efti berichtet Willy Brandt in seinen Erinnerungen „Links und frei“. Im Warenhaus Tietz wurde zwei Tage vor Heiligabend 1925 die erste Rolltreppe in Berlin angeworfen. Überhaupt die Kaufhäuser: Die beiden Konkurrenten Tietz und Wertheim waren die größten und weit mehr als nur Einkaufszentren wie die Mall of Berlin, die heute an der Stelle des 1944 zerstörten Kaufhauses Wertheim steht. „Mall of Berlin“ – ist das eigentlich ein Spiel mit der Berliner Mauer? Hoffentlich nicht.

  Das Wertheim und seinen beinahe tausendundeinenachthaften Zauber hat kaum ein Autor so schön beschrieben wie Hans Fallada, der, als er ein Junge war, noch Rudolf Ditzen hieß: „Und alles war mit den wunderbarsten Schätzen gefüllt. Wir träumten davon. Wir unterlagen derselben Verblendung wie ganz Berlin, das sich in jener Zeit, da solcher Prunk noch neu war, in den Gängen und vor den Tischen drängte: eine fieberische Besitzgier, eine wahre Kaufwut hatte alle erfasst.“

  Wenige Jahre danach wurde aus Besitzgier Raffgier, dem jüdischen Kaufmann Wertheim stahlen die Nationalsozialisten das Geschäft, so wie sie es mit vielen anderen taten. Man soll nicht über die Shoppingmalls unserer Tage mosern, sie gehören zur Flaniermanier dieser Zeit, und als die ersten Warenhäuser aufkamen, beklagten die kleinen Kolonialwarenhändler ja auch den Untergang ihrer Branche, wohl nicht zu Unrecht. Der Theologe und Sozialpolitiker Paul Göhre legte 1907 einen sehr anschaulichen Essay über das Phänomen des modernen Warenhauses vor. Und man gewinnt eine Ahnung davon, wie neu und aufregend und verwirrend diese frühkapitalistische Kaufmaschine gewesen sein muss: „Wer das Haus Wertheim zum ersten Mal betritt, empfängt den Eindruck eines erdrückenden Gewirres (...) Ein Meer von Warenmassen ausgebreitet; Treppen, Aufzüge, Etagen, sichtbar wie die Gerippe eines Skelettes (...)  ein ungeheures Durcheinander, scheinbar ohne Plan und Ordnung.“

  Nach Kriegsende lag all dies in Schutt und Asche, und der Wiederaufbau, der nun begann, vollzog sich nach Plan und Ordnung der Nachkriegspolitik. Schutt und Asche wurden weggeräumt, aber die Leipziger Straße durfte ihren alten Glanz nicht wiederbekommen. Nordwestlich vom Leipziger Platz zog sich der Todesstreifen hin – die Teilung hatte auch das Leipziger Viertel zum Ödland werden lassen.

  Nach der Wende kam die Straße wieder zu neuen Ehren, der Bundesrat zog 2000 in das Gebäude des Preußischen Herrenhauses, wo bis 1919 die gesetzgebende Versammlung des preußischen Landtages getagt hatte. Überhaupt ist die Straße knapp hinter dem Potsdamer Platz zu einer Art deutsch-deutscher Gedenkausstellung geworden, so als müsse sich Geschichte auf kleinstem Raum möglichst eindrucksvoll präsentieren. Der Platz vor dem ehemaligen Haus der DDR-Ministerien – heute ist hier das Finanzministerium untergebracht – erinnert an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Zum 60. Jahrestag des blutig niedergeschlagenen Arbeiterprotests 2003 bekam der Platz den entsprechenden Namen. Wenige Schritte dahinter steht das Denkmal der unbekannten Telefonzelle – auf einem Sockel thront die gelbe Kabine, deren einstmalige Funktion man seinen Kindern heute sensibel erklären muss.

  Mit den Jahren zeigte sich, dass die Leipziger Straße einen schönen und einen weniger schönen Streckenabschnitt heranbildete. Im schönen sind Konsum und Politik zu Hause, im weniger schönen wohnen die Menschen. Wenn man die Leipziger Straße bis zur Charlottenstraße durchmessen hat – vorbei am Kommunikationsmuseum, in dessen hellem Innenhof batteriebetriebene Spielroboter umherfahren –, dann gelangt man dorthin, wo die Leipziger von zweispurig auf vierspurig wechselt. Und das originelle, also sehr berlinerisch Groteske ist: Exakt hier, wo die Hochhäuserblocks anfangen, wo also die Menschen ihre Wohnungen haben, hört die Tempo-30-Begrenzung auf. Ein guter Ort und eine gute Gelegenheit, mit jemandem zu reden, der hier zu Hause ist. Jemand, der weiß, wovon er redet, denn zumeist wird über die Leipziger von Leuten verhandelt, die in ruhigeren Straßen wohnen.

  Marija Brzovska wohnt seit 2003 in diesem Abschnitt der Leipziger Straße. Sie wohnt gerne hier, sagt sie: „Die Leipziger Straße ist eine herrliche Straße, in der sich die Architekturhistorie der DDR spiegelt.“ Umso bedauerlicher findet es die Rechtsanwältin, dass man diesen Teil der Geschichte nicht bewahrt. Sie wünscht sich mehr Renovierungseifer von der Stadt, und sie hat diesen Eifer wiederholt eingefordert. Zusammen mit anderen bildet Marija Brzovska die Interessengemeinschaft Leipziger Straße. Es geht ihnen darum, ihre Gegend verkehrssicher zu machen und, wie Brzovska sagt, „die Nahversorgung“ durch Geschäfte zu sichern. Bei der ersten Anmutung klingt es ein wenig bizarr, wenn Menschen in einer Großstadt wie Berlin mit ihren unzähligen Geschäften, Fresstempeln, Biosupermärkten und Feinkostabteilungen vom Mangel an Nahversorgung reden.

  Aber die Leipziger Straße ist ein Refugium alter, auch sehr alter Berliner. Für manche von ihnen kommt es einem unerwünschten Abenteuer gleich, die Straße überqueren zu müssen, mit einer Ampelschaltung, die für trainierte Kurzstreckenläufer programmiert ist. Marija Brzovska vertritt mehrere Mandanten, die bei ihrem Versuch, die Leipziger zu überqueren, von Autos angefahren wurden. Tempo 30 wäre also für diesen, bisher unberücksichtigten Abschnitt der Leipziger Straße lebensrettend: „Wir haben dem Senat gesagt, wenn ihr es macht, dann macht es richtig und bezieht uns mit ein.“

  Seit DDR-Zeiten leben hier viele alte Menschen in ihren Wohnungen und haben Schwierigkeiten, ihre Einkäufe am eigentlich nahen Alexanderplatz zu besorgen. Deshalb kam es vor drei Jahren zu einem kleinen Volksprotest, als die Schlange vor dem Lidl-Supermarkt so lang wurde, dass selbst Menschen mit viel Zeit anfingen, die Stunden, die sie hier verbrachten, auf ihre Lebenszeit hoch zu rechnen.

  Wie es aussieht, wird die Leipziger Straße in den nächsten Jahren noch mehr Menschen mit Kaufbedürfnissen anziehen. Der Springermedienkonzern ist dabei, sich einen kubusförmigen Palast für seine Digitalmedien zu bauen, das vom Stararchitekten Rem Koolhaas entworfene Gebäude liegt auf dem Areal zwischen Schützen-, Zimmer- und Jerusalemer Straße und damit in unmittelbarer Nachbarschaft der Leipziger. Man könnte das Gebäude mit ein wenig Fantasie als posthistorische Revanche sehen. Denn es wird womöglich dem alten, in den Siebzigerjahren gezogenen Hochhauskomplex Leipziger Straße die Hoheit nehmen.

  Seinerzeit ließ die DDR-Obrigkeit nämlich eigens markante Hochhäuser in die Nähe des Spittelmarkts setzen, damit das nahe Springerhochhaus die deutsch-deutsche Grenzstelle nicht mehr so deutlich dominiere. Mitte 2012 wurde dann die Axel-Springer-Straße gewissermaßen an die Leipziger angeschlossen – die beharrliche Einflussnahme von damals spiegelte sich nun auch im Straßenbild von heute wider.

  Es mag sein, dass das Berlin für Flaneure – so es sie heute noch gibt – attraktivere Auslaufmöglichkeiten bietet als die Leipziger Straße. Andererseits findet man gerade hier auf kleinem Raum vieles von dem wieder, was diese Stadt ausmacht, allem voran die Mischung aus Repräsentativem und Vernachlässigtem.

  Auch in ihrer glanzvolleren Vergangenheit muss die Begehung der Leipziger Straße den professionellen Flaneuren gleichermaßen Reiz und Verdruss gebracht haben. Einer ihrer elegantesten Vertreter war Franz Hessel. Er schrieb: „Der Fußgänger wird alle Augenblick aufgehalten und ist gezwungen, über die Gossen weg auf den sogenannten Damm zu schreiten. Nirgends ist diese Unbequemlichkeit sichtbarer als in der Leipziger Straße, eine der schönsten von ganz Berlin.“

Den Berlinern stinkt’s:
An drei Stellen der Straße gilt
bald ein Diesel-Fahrverbot

Am Spittelmarkt wollten die
DDR-Mächtigen mit markanten
Hochhäusern ein Zeichen setzen

alles war mit den
wunderbarsten
Schätzen gefüllt Und.
Wir träumten davon.
Wir unterlagen
derselben Verblendung
wie ganz Berlin.“

HANS FALLADA

Viel Verkehr, viel Beton: die Leipziger Straße/Ecke Friedrichstraße (oben). Zu Beginn des
20. Jahrhunderts befanden sich hier elegante Geschäfte und Lokale.
Fotos: Googleearth, REX/Shutterstock

 

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